Vier Reisen
Fast alles, was wir über Musik gelernt haben – Dur und Moll, Takt, Partitur –, gilt nur für einen kleinen Teil der Welt. Anderswo wird anders gestimmt, anders gezählt und anders zusammengespielt. Hier hörst du vier Traditionen, in denen genau das passiert.
Das Wort „Weltmusik“
In Plattenläden gibt es ein Regal mit der Aufschrift „Weltmusik“. Darin steht alles, was nicht aus Europa oder Nordamerika kommt – javanisches Gamelan neben senegalesischem Pop neben indischer Klassik. Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man Bach, Techno und Volksmusik in ein Regal „Musik des Nordens“ stellen. Deshalb heißt dieses Modul Musik der Welt, und jede Reise hat einen eigenen Namen.
Zuerst: dein Code
Leg dir oben rechts einen Code an. Dann bleiben deine Antworten und dein eigener Zyklus gespeichert – auch am nächsten Tag und auf einem anderen iPad.
Für die Vertretung: So läuft die Stunde
Kopfhörer sind Pflicht. Jede Reise ist für sich verständlich – man muss nicht bei 1 anfangen.
- Adresse an die Tafel: weltmusik.musikwerkzeug.de, jedes Kind legt sich einen Code an.
- Zwei Reisen aussuchen und durcharbeiten, jeweils mit Übung.
- Wer schnell ist: die Werkstatt (Kapitel 5) – einen eigenen Zyklus bauen und mitnehmen.
Java: das Gamelan
Ein Orchester aus Bronze – und eine Tonleiter, die es auf unserem Klavier nicht gibt.
Ein Gamelan ist kein einzelnes Instrument, sondern ein ganzes Ensemble: Metallophone, Gongs, Trommeln, oft zwanzig Leute und mehr. Es gehört als Ganzes zusammen – die Instrumente eines Gamelans werden gemeinsam gestimmt und nur miteinander gespielt. Ein Instrument aus einem anderen Gamelan passt nicht dazu.
Die Tonleiter klingt anders – hör selbst
Gamelan-Musik benutzt nicht unsere Halbtöne. Zwei Stimmungen sind verbreitet: Sléndro mit fünf fast gleich großen Schritten und Pélog mit sieben sehr ungleichen. Beide klingen für unsere Ohren erst einmal „falsch“ – sie sind es nicht.
Tipp die Töne selbst an – in dieser Stimmung kann nichts „falsch“ sein, weil es keine Halbtöne gibt, an denen man sich stoßen könnte.
Der Zyklus: der Gong sagt, wo das Stück zu Ende ist
Gamelan-Musik läuft nicht in Takten wie bei uns, sondern in Zyklen. Der große Gong schlägt am Ende eines Zyklus – nicht am Anfang. Kleinere Gongs teilen ihn auf, und die Melodie liegt in der Mitte. Je weiter oben ein Instrument klingt, desto schneller spielt es: Die tiefen Instrumente halten das Gerüst, die hohen umspielen es.
Merke
- Sléndro und Pélog – Stimmungen ohne unsere Halbtöne; jedes Gamelan klingt etwas anders.
- Zyklus statt Takt – der große Gong markiert das Ende, nicht den Anfang.
- Schichten – tiefe Instrumente langsam, hohe schnell, alle über derselben Melodie.
Westafrika: viele Muster gleichzeitig
Nicht ein Rhythmus mit Verzierungen, sondern mehrere, die ineinandergreifen.
In vielen Musiktraditionen Westafrikas spielt jede Person ein eigenes, kurzes Muster, das sich ständig wiederholt. Erst alle zusammen ergeben den Groove. Das nennt man Polyrhythmik. Oft hält eine Glocke das Ganze zusammen – sie spielt ein Muster, an dem sich alle orientieren.
Und noch etwas ist anders: Die „Eins“ ist nicht für alle dieselbe. Jede Stimme darf ihre eigene Zählweise haben – deshalb klingt es für ungeübte Ohren, als würde die Musik kippen.
Drei gegen vier
Das Herz vieler dieser Muster ist ein einfacher Trick: Über zwölf Schläge passen drei gleiche Gruppen zu vier – oder vier gleiche Gruppen zu drei. Beides gleichzeitig ergibt ein Muster, das sich dreht.
Merke
- Polyrhythmik – mehrere kurze Muster gleichzeitig, jedes für sich einfach.
- Glocke – das Muster, an dem sich alle orientieren.
- Drei gegen vier – dieselbe Zeit, verschieden geteilt.
Indien: Raga und Tala
Ein Ton, der nie aufhört – und ein Zyklus, den man an den Fingern abzählt.
Der Bordun: ein Ton liegt immer
Indische klassische Musik hat keine Akkorde. Statt dessen liegt ein Bordun darunter – meist gespielt auf der Tanpura, die immer dieselben Töne zupft. Alles, was die Melodie macht, hört man in Bezug auf diesen einen Grundton, Sa.
Der Raga: mehr als eine Tonleiter
Ein Raga gibt vor, welche Töne vorkommen – aber auch, wie man sie benutzt: welcher Ton wichtig ist, welcher nur im Vorbeigehen erlaubt ist, ob man aufwärts andere Töne nimmt als abwärts. Viele Ragas gehören zu einer Tageszeit oder einer Stimmung.
Die Silben Sa Re Ga Ma Pa Dha Ni sind die indischen Tonnamen – ungefähr wie unser do re mi.
Der Tala: der Zyklus
Der Rhythmus läuft in festen Zyklen. Der bekannteste ist Tintal mit 16 Schlägen, geteilt in 4 + 4 + 4 + 4. Zuhörende zählen mit – mit Klatschen und einer Handbewegung (Khali, „leer“) beim dritten Viertel. Die Trommelsilben der Tabla heißen Bols: dha, dhin, ta, tin.
Merke
- Bordun statt Akkorde – ein Grundton liegt die ganze Zeit.
- Raga – Tonvorrat und Spielregeln und Stimmung.
- Tala – der Rhythmuszyklus, bei Tintal 16 Schläge, mitgezählt mit den Händen.
Arabische Musik: der Maqam
Töne zwischen unseren Tasten – und eine Melodie, die alle gemeinsam umspielen.
Die Töne zwischen den Tasten
In der arabischen Musik gibt es Töne, die auf unserem Klavier fehlen: Sie liegen ungefähr in der Mitte zwischen zwei Tasten. Man nennt sie oft Vierteltöne – genau genommen sind es Töne, die je nach Region und Musiker etwas anders liegen.
Ein Maqam ist wie ein Raga mehr als eine Tonleiter: Er sagt auch, wie sich eine Melodie bewegt, wo sie ruht und wie sie endet. Maqam Rast ist der bekannteste – hör ihn im Vergleich zu unserer Dur-Tonleiter.
Der Rhythmus: Dum und Tak
Rhythmuszyklen heißen Iqa'at. Sie bestehen aus zwei Grundschlägen: Dum (tief, in der Mitte des Fells) und Tak (hell, am Rand). Der bekannteste Zyklus ist Maqsum: Dum – Tak – Tak – Dum – Tak.
Beim Taqsim spielt eine Person allein und frei über dem Grundton – ohne Takt, aber streng im Maqam.
Merke
- Maqam – Tonvorrat mit Wegbeschreibung, mit Tönen zwischen unseren Tasten.
- Iqa – Rhythmuszyklus aus Dum (tief) und Tak (hell).
- Taqsim – freie Improvisation ohne Takt, allein über dem Grundton.
Werkstatt: dein eigener Zyklus
Such dir eine Welt aus, bau einen Zyklus – und nimm ihn mit.
Mitnehmen
Vier Durchläufe deines Zyklus als MP3 – das Gerät rechnet sie selbst aus.
Wenn du weiterhören willst
Diese vier Reisen sind vier Beispiele von hunderten. Es gibt Trommelorchester in Ghana, Obertongesang in der Mongolei, Flamenco in Andalusien, Trommeln und Gesang in der Karibik – und in jeder dieser Musiken steckt genauso viel Wissen wie in einer Sinfonie.
Frag deine Musiklehrkraft nach echten Aufnahmen: Nachgebaute Klänge sind gut zum Verstehen, aber sie ersetzen nicht den echten Klang eines Gamelans.